Kapitel 35 des Laozi

Chinesischer Text

zhíxiàngtiānxiàwǎng
wǎngérhàiānpíngtài
yuèěrguòzhǐ
dàochūyándànwèishìjiàntīngwényòng

Übersetzung

Der Heilige bewahrt das große Bild (den Dao), und alle Völker des Reiches strömen zu ihm.
Sie strömen herbei, und er tut ihnen kein Leid an; er verschafft ihnen Frieden, Ruhe und Gelassenheit.
Musik und köstliche Speisen halten den vorüberziehenden Gast auf.
Doch wenn der Dao aus unserem Munde kommt, ist er fad und geschmacklos.
Man sieht ihn und kann ihn nicht sehen; man hört ihn und kann ihn nicht hören; man gebraucht ihn und kann ihn nicht erschöpfen.

Anmerkungen

Das Wort zhí bedeutet „bewahren, erhalten“. Das große Bild ist der Dao. Der Heilige bewahrt den Dao; er übt das Nichtstun aus, und das ganze Reich unterwirft sich ihm. Da sich das Reich ihm unterworfen hat, kann der Heilige ihm wiederum große Vorteile verschaffen und ihm Frieden, Ruhe und Gelassenheit bringen. Nach 刘晔 Liú Yè drücken die Wörter ān, píng und tài unterschiedliche Grade der Ruhe aus; píng ist das Superlativ von ān, und tài das Superlativ von píng. Die deutsche Sprache besitzt keine Wörter, die diese verschiedenen Nuancen wiedergeben könnten.

苏辙 Sū Zhé und 苏泽友 Sū Zéyǒu: Wenn man Musik erklingen lässt und köstliche Speisen serviert, reicht das aus, um den vorüberziehenden Gast aufzuhalten. Doch wenn die Musik verstummt und die köstlichen Speisen verzehrt sind, zieht sich der Gast hastig zurück. Diese Vergleich zeigt, dass die weltlichen Freuden trügerisch sind und nur von kurzer Dauer.

Das gilt nicht für den Dao. Obwohl er unsere Ohren nicht erfreuen und unseren Geschmack nicht schmeicheln kann wie Musik und köstliche Speisen, sobald man ihn angenommen und gebraucht hat, kann er sich über die ganze Welt und die entfernteste Nachwelt erstrecken.

Musik und Speisen sind etwas zu Geringfügiges, um mit dem Dao verglichen zu werden.